CHRISTIAN BECKERS

Mondsucht

Jeder kennt die Horrorgeschichten von Menschen, die bei Vollmond zum Tier werden und durch die Nacht streifen, um andere Menschen zu reißen und zu töten. 
Oder Geschichten von Somnabulisten, Schlafwandlern, die bei Vollmond auf Dächern spazieren gehen, ohne zu wissen, was sie tun und in traumwandlerischer Sicherheit, ohne vom Dach zu fallen, außer wir würden sie wecken, was in diesem Fall tödliche Folgen für diesen hätte.
Es gibt auch viele Erzählungen, jede Religion oder Kultur hat etliche von diesen, wo Menschen bei Vollmond Dinge tun, die im Normalzustand nicht möglich wären. Dinge, die grauenerregend oder geheimnisvoll, unglaubwürdig oder phänomenal sind, abnorme Dinge. Heute würden solche Leute, die es vereinzelt noch immer gibt, entweder als Psychopathen in einer sogenannten geschlossenen "Heilanstalt" landen oder würden zu einem Spezialisten geschickt, die meinen, den Mond zu kennen und seine Kraft und Macht mit guten Sprüchen oder modernster Medizin und Wissenschaft zu überlisten.
In der folgenden Geschichte geht es um einen Menschen, der bei Vollmond zwar nicht zum sprichwörtlichen Tier wird und andere Menschen reißt, sondern um jemanden, der unter Somnambulismus leidet und in diesem Zustand bestialische Morde begeht. Bis dieser eines Tages selbst hinter seine Taten und sein Leiden kommt und sich selbst eine Therapie verpasst. Aber lesen Sie selbst, was geschieht und wie es geschieht.

Vollmond, klar und deutlich steht er am nächtlichen Himmel, ein von Mystik, Kraft und Schönheit umgebener Planet. Zeit für Geschichten über Liebe, Romantik oder Tod, Verderben und seelische Abhängigkeit.
Ding, Dong, dumpf schlägt die Kirchturmuhr zwei Uhr nachts. Über dem Turm steht still und stumm unser Hauptakteur, der Mond, und scheint auf die schlafende Welt herabzugrinsen. Alles ist ruhig, vereinzelt brennen ein paar Lichter in den Häusern, einige Autos fahren in der Ferne noch umher. Ansonsten herrscht Totenstille.
Doch da bewegt sich eine Gestalt, flink und geschmeidig, von einem Garten in den anderen. Sie ist von durchschnittlicher Größe, sportlich, schlank und kräftig. Außer der ziemlich dunklen Kleidung sind nur noch zwei Dinge bei näherer Betrachtung auffällig an dieser Gestalt: Der starre Blick und das große scharfe Schlachtermesser, was sich seitlich im Gürtel befindet und ab und an den Mondschein reflektiert. Nach einigen durchquerten Gärten und Hinterhöfen bleibt die Gestalt vor einem abgelegenen am Waldrand liegendem Haus stehen. Sie schien das Ziel erreicht zu haben. Geschwind und mit geübter Routine findet sie ein geeignetes Kellerfenster, bricht es lautlos auf und steigt leise und vorsichtig herein. Innen angekommen, macht die Gestalt eine kleine Bleistiftleuchte an und sucht den Weg zum Schlafzimmer. Dieses wird schnell und ohne große Probleme gefunden. Lautlos wird die Tür geöffnet. Mondschein erhellt den Raum und spendet genügend Licht, um die kleine Leuchte überflüssig wirken zu lassen. Sie verschwindet in der linken Hosentasche der geheimnisvollen Gestalt. Unter der Bettdecke lassen sich die Umrisse eines schlafenden Körpers ausmachen, der ruhig und leise schnarchend vor sich hinträumt. Mit einem schnellen Griff zieht die Gestalt das Schlachtermesser aus dem Gürtel. 


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