HENRY BIENEK

Engelswut

Borege mußte es beenden.
Er war der Einzige, der es konnte...

Ein letztes Mal schaute er von einem Hügel aus über das Schlachtfeld von Sc' wa' koun. Tränen schossen ihm wie Säure in die Augen, als er den Vormarsch der Malboraner beobachtete. Sie hatten die Reihen der Salbäer, der einfachen Krieger, fast durchbrochen. Nur noch die umherirrenden Scryar, die wie Leuchtfeuer durch die Reihen der Dämonen irrten, und sie mit ihren unschuldigen Schreien in den Tod trieben, hielten die Malboraner von einem endgültigen Durchbruch ab.
Fast mußte man stolz auf die Scryar - diese Geister ungeborener Kinder - sein, die so rein waren, daß ihre Schreie selbst Engeln wie ihm zusetzen konnten. Auch wenn ihr Aussehen plump und grotesk war, waren die wurmartigen Wesen von Schäferhundgröße äußerst effektiv. Aber nur, wenn sie von einem Treiber massiv und gezielt eingesetzt wurden.
Doch die meisten Treiber waren tot, und so irrten die Scryar ziellos umher und würden nach und nach von den Dämonenhorden der Malboraner ausgelöscht werden.
Aber sie verschafften Borege Zeit. 
Zeit, die er brauchte, um sich von seiner Geliebten zu verabschieden.
Er drehte ihren leblosen Körper auf den Bauch. 
In ihr Gesicht konnte er nicht sehen, denn ihr Kopf war von einer riesigen Axt abgerissen worden. Und die blutbefleckten Flügel auf ihrem Rumpf überdeckten den Halsstumpf wenigstens zum Teil. Außerdem war es wichtig, dass sie nicht auf dem Rücken lag. Denn Borege würde schnell handeln müssen.
Doch jetzt galt es erst, sich zu verabschieden.

Mit seinen riesigen Flügeln, die aus reiner Energie bestanden, bildete er einen Schutzkokon um sich und seine geliebte Imora. Für kurze Zeit würden sie selbst vor den argwöhnischsten Dämonenaugen unsichtbar sein.
Borege würde sich beeilen müssen, wollte er nicht zuviel von seiner kostbaren Energie verschwenden.
"Imora..", begann er. 
"Wie gerne hätte ich noch ein letztes Mal in Deine Augen gesehen...Deine Lippen berührt...Dein Lachen gehört...Aber es sollte nicht sein..."
Kraftlos verhallte seine Stimme in dem selbstgeschaffenen Raum, nur um kurz darauf zu erneuter Festigkeit und Heftigkeit zu finden.
"Sie haben uns verraten!...Diese elenden Lichtbringer...Haben uns nichts davon gesagt, dass es dieses Mal KEINE Übung sein würde!...Haben uns einfach in den Tod geschickt...Hätte ich es gewusst...Ich hätte mich darauf vorbereiten können...Hätte meine Einheit schützen könn---"
Seine Stimme brach.


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